Es begann mit einem Reck.

Nicht mit Stuttgart 21.
Nicht mit einem Flughafen.
Nicht mit einer kommunalen Opernsanierung.

Mit einem Reck.

Zwei Pfosten.
Eine Stange.
Rund 2.000 Euro.

Eine Elfjährige namens Emilia hatte einen Wunsch für den Spielplatz am Ostring.

Sie malte einen Zettel, ging durch die Nachbarschaft, erklärte anderen Menschen ihre Idee, sammelte Unterschriften und brachte ihren Antrag zum Rathaus.

Danach begann der demokratische Prozess.

Das erkennt man unter anderem daran, dass die Antragstellerin fast ein halbes Jahr nichts davon hörte.

Ihr Vater fand das irgendwann schade.

Er schrieb öffentlich sinngemäß:

Vielleicht gibt es gute Gründe, warum die Stadt kein Reck finanzieren kann.
Dann erklärt das dem Kind bitte.
Wir hätten nur gern überhaupt eine Antwort.

Eine Forderung von bemerkenswerter Radikalität.

Fast ein halbes Jahr nach einem Antrag eine Antwort zu erwarten, kann schließlich der erste Schritt auf einem gefährlichen Weg sein.

Heute eine Eingangsbestätigung.
Morgen Transparenz.
Übermorgen womöglich Bürgerbeteiligung.

DOCH DANN KAM DER WAHRHEITSWART

Zum Glück erschien wenig später ein Mann, der Ordnung in die Sache brachte.

Denn:

„Dabei war es ja in Wahrheit ganz anders.“

Ein bemerkenswerter Satz.

Er kündigt gewöhnlich Dinge an wie:

Der Antrag war niemals eingegangen.

Die Familie hatte längst fünf Briefe erhalten.

Das Reck stand bereits seit Juni auf dem Spielplatz.

Oder Emilia hatte sich das Ganze nur ausgedacht.

Doch die Wahrheit war eine andere.

Also die andere Wahrheit.

Der Antrag war nämlich intern bearbeitet worden.

Aha.

Damit war geklärt:

Die Familie hatte zwar nichts gehört.

Aber während sie nichts hörte, geschah etwas, von dem sie nichts hörte.

Und damit war das Nichthören offenbar widerlegt.

Kommunikation kann so einfach sein.

DIE DEMOKRATISCHE LEKTION

Doch damit nicht genug.

Der Wahrheitswart erklärte weiter:

„Man kann sich nicht einfach etwas herbeiwünschen und zack passiert es mit ein bisschen Beharrlichkeit.“

Völlig richtig.

Man kann übrigens auch nicht verlangen, dass ein Nilpferd zum Stadtkämmerer ernannt wird.

Das hatte allerdings ebenfalls niemand gefordert.

Der Vater hatte sogar ausdrücklich geschrieben, dass die Stadt das Reck NICHT zwingend finanzieren müsse.

Vielleicht gebe es gute Gründe dagegen.

Man solle diese einem Kind nur erklären.

Das war für eine ordentliche Widerlegung natürlich etwas unpraktisch.

Zum Glück besitzt die Rhetorik für solche Fälle ein bewährtes Hilfsmittel:

den STROHMANN.

WAS IST EIN STROHMANN?

Ein Strohmann-Argument funktioniert ungefähr so:

Person A sagt:

„Nach fast einem halben Jahr hätten wir gern eine Antwort.“

Person B macht daraus:

„Ihr erwartet also, dass jeder Wunsch sofort erfüllt wird, wenn man nur hartnäckig genug ist.“

Dann widerlegt Person B diese neue Aussage.

Erfolgreich.

Das Schöne daran:

Person A muss sie vorher nicht einmal vertreten haben.

Der Strohmann ist gewissermaßen der pflegeleichteste Gesprächspartner der Welt.

Man baut ihn selbst.

Man legt ihm selbst die Worte in den Mund.

Und anschließend gewinnt man sogar die Diskussion gegen ihn.

Effizienter kann Demokratie kaum sein.

DANN WURDE ES ALLERDINGS KOMPLIZIERT

Denn nachdem der Vater schließlich die Unterlagen der Stadt gelesen hatte, tat er etwas ausgesprochen Unkooperatives:

Er akzeptierte deren Argumentation.

Die Haushaltslage sei schwierig.

Nicht jeder Wunsch könne erfüllt werden.

Verständlich.

Und deshalb bot er 300 Euro eigenes Geld an.

Er fragte die Stadt ausdrücklich:

Dürfen Bürger den Rest finanzieren?

Bitte gebt uns vorher einen offiziellen Weg.

Kein Geld sammeln, bevor geklärt ist, ob das überhaupt möglich ist.

Nun hätte ein ordentlicher Benjamin Blümchen vermutlich längst das Rathaus gestürmt.

Törööö.

Reck aufstellen.

Problem gelöst.

Jens hingegen wartete auf eine offizielle Antwort.

Enttäuschend.

DER AUFSTAND ESKALIERT

Dann meldete sich der Bürgermeister persönlich.

Man sprach miteinander.

Der Bürgermeister sagte privat 500 Euro zu.

Die Stadt klärte den möglichen Weg.

Bürger spendeten.

Innerhalb kürzester Zeit stand die Finanzierung.

Und der Vater schrieb anschließend sogar:

Jetzt fehlt noch der formelle Ratsbeschluss am 15. Oktober.

Erst DANACH soll das Geld offiziell an die Stadt übergeben werden.

An dieser Stelle geriet die Benjamin-Blümchen-Theorie endgültig in Schwierigkeiten.

Denn wir halten fest:

Ein Kind stellt einen Antrag.

Der Vater wartet fast ein halbes Jahr.

Er fragt öffentlich nach.

Er akzeptiert die Haushaltslage.

Er bietet eigenes Geld an.

Er fragt vorher nach einem offiziellen Verfahren.

Er stimmt sich mit der Kommune ab.

Bürger finanzieren gemeinsam.

Der Bürgermeister beteiligt sich privat.

Und am Ende wartet man auf den Ratsbeschluss.

Ein erschütternder Angriff auf die demokratische Grundordnung.

BENJAMIN, DU LIEBER ... WAS EIGENTLICH?

In Benjamin-Blümchen-Geschichten läuft es bekanntlich gern etwas anders.

Benjamin erzeugt Druck.

Karla Kolumna macht Öffentlichkeit.

Der Bürgermeister knickt ein.

Gelegentlich wird das Regelwerk dabei eher sportlich interpretiert.

In Goch dagegen wartet man am Ende ausdrücklich darauf, dass der Rat entscheidet.

Das Problem mit Analogien ist eben:

Manchmal tragen sie.

Manchmal hinken sie.

Und manchmal brauchen sie dringend ein Reck zum Festhalten.

AM ENDE NUR GEWINNER

Die Kinder bekommen voraussichtlich ihr Reck.

Die Stadtkasse wird entlastet.

Bürger haben gemeinsam Geld gesammelt.

Der Bürgermeister beteiligt sich.

Die Verwaltung bekommt ihr ordentliches Verfahren.

Der Rat darf entscheiden.

Und Emilia erlebt möglicherweise, dass eine selbst gemalte Idee tatsächlich etwas bewegen kann.

Eigentlich eine ziemlich schöne Geschichte über Bürgerengagement.

Fast schon Demokratie.

Nur zwei Beteiligte wirken etwas mitgenommen.

Der erste ist die Behauptung, hier habe jemand geglaubt, man müsse sich nur etwas wünschen und „zack“ werde es erfüllt.

Sie hat den Kontakt mit den tatsächlichen Facebook-Beiträgen nicht ganz schadlos überstanden.

Und der zweite ist unser Strohmann.

Er hatte es sich gerade so bequem gemacht.

Nun steht er etwas verloren am Ostring und fragt sich, warum eigentlich niemand die Position vertreten hat, gegen die er so erfolgreich argumentiert hat.

Aber vielleicht findet sich noch ein Platz für ihn.

Direkt neben dem Reck.

„Dabei war es ja in Wahrheit ganz anders.“

Stimmt.

Nur möglicherweise ganz anders,
als der Wahrheitswart dachte.


RHEINISCHE PEST
Die Stimme neben der Wahrheit

Unkommerzielle Glosse / Satire / Kunstprojekt.

„Rheinische Pest“ ist eine satirische Wortspiel-Bezeichnung im Rahmen dieses Beitrags.
Keine Verbindung zur Rheinischen Post oder zur Rheinische Post Mediengruppe.

Tatsächliche Zitate sind als solche gekennzeichnet.
Satirische Zuspitzungen sind keine Tatsachenbehauptungen.